orgel-mixturen 2011 7. Internationales Festival für zeitgenössische Orgelmusik 9.10.-15.10.2011

 

 

12.10.2011 19.30 Uhr Konzert Matthias Geuting

Peter Ruzicka (1948) - Z-Zeit (1975)

Matthias Schlothfeldt (*1968) - Bitter Crop (2011, UA)

Thomas Taxus Beck (*1962) - Breath and Space (The Organs Bones) (2009)
           
Erik Janson (*1967) - Couleurs célestes (2011)

Hans Otte (1926–2007) - Touches (1965)



Z-Zeit
Musikhören findet (wie jede Wahrnehmung) in der Zeit statt, ist dabei aber auf einen selbst in der Zeit sich entfaltenden Gegenstand gerichtet. Was ist das „Eigentliche“ in der Musik – ihr Klingendes selbst oder die sinnstiftenden Akte des Bewußtseins, welche die gehörte Musik erst konstituieren? Von dieser Frage ausgehend, stellt Z-Zeit die Ausarbeitung eines musikalischen Grundmodells vor, bei der laut Komponist „objektiv gemessene und subjektiv erlebte Zeitverläufe in einen erfahrbaren Konflikt geraten sollen. Ein durch aperiodische Einsatzabstände entstehendes zeitliches Raster wird durch immer greifbarere, ‚positivere‘ Ereignisse vorübergehend verdrängt und abgelöst.“M.G.

Bitter Crop
Die Komposition nimmt Bezug auf das Lied „Strange Fruit“ – in manchen Aspekten auf eine Version von Billy Holiday, hauptsächlich aber auf die wohl populärste Einspielung von Nina Simone. Kaum je ein Lied hat auf eindrucksvollere Weise Rassismus angeklagt. Und auch die Orgel – als Instrument, das mit dem Christentum, seiner Geschichte und seinen nicht immer heilbringenden Institutionen verwachsen ist – täte gut daran, dieses Lied zu singen. Nur wie? Dieses Stück mag sich nicht nahtlos in die große Zahl der Orgelchoräle und Choralbearbeitungen einreihen, obgleich es aus dieser Tradition kommt. Matthias Schlothfeldt

Breath und Space

In diesem Stück mischen sich die Klänge der Orgel mit den Klängen eines Zuspielbandes, das vom Komponisten während eines Stipendienaufenthaltes am Karlsruher ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie) erarbeitet wurde. Alles in der Komposition läßt sich auf die Zahl sieben zurückführen: Es gibt sieben größere Formabschnitte, deren gemeinsame grundlegende Zeiteinheit die Dauer von 49 Sekunden ist. Der Takt ist ein 7/4-Takt, die Taktdauer beträgt 3,5 Sekunden. Das Tonhöhensystem baut auf Intervallschritten von 70 cent auf. Eher unbeabsichtigt sind einige Assoziationen zu Totentänzen in die Arbeit mit eingeflossen: Klappernde Märsche, wispernde Rhythmen und Atempassagen mit plötzlichen Abbrüchen suggerieren ein heimliches und manchmal bizarres Treiben in der Kirche. Thomas Taxus Beck

Couleurs célestes
Die Grundidee des Orgelstücks ist eine Art „Klangfarben-Hoquetus“. Bei einem Hoquetus – Prinzip und Begriff stammen schon aus der Musik der Frührenaissance – spielt eine Stimme immer in die Pausen einer anderen Stimme hinein, so daß der Eindruck eines „hicksenden“, in sich verzahnten Rhythmus entsteht. Ausgehend von geringen, feinsten Klangnuancen bei solchen Klangfarben-Hoqueti, sieht die Dramaturgie des Werkes eine Entwicklung hin zu immer deutlicheren Klangkontrasten und immer neuen Klangkombinationen vor. Ebenso entwickeln sich Rhythmik und Umfang der Tonhöhen insgesamt vom Einfacheren zum Komplexeren. Erik Janson


Touches
Als Musikchef bei Radio Bremen und Initiator des Festivals „pro musica nova“ stellte Hans Otte seit den 1960er Jahren ein regelmäßiges Forum für aktuelle Tendenzen der Orgelmusik bereit. Er selbst konzipierte unter dem (französisch auszusprechenden) Titel „Touches“ eine Orgelfantasie, welche die spieltechnischen Neuerungen der Zeit mit Selbstverständlichkeit zur Anwendung bringt, dabei nicht ohne Ironie die verschiedenen Klischees der Orgel, ihre historischen Facetten und Stilmittel aufscheinen läßt und solchermaßen eine souveräne, undogmatische Sicht auf die technischen und ästhetischen Qualitäten des Instruments bezeugt. M.G.

Matthias Geuting
studierte Kirchenmusik in Lübeck und Essen (Orgel bei Gerd Zacher) sowie Musikwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte in Bochum (Promotion mit einer Arbeit über Johann Sebastian Bach). Seit 2003 Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Folkwang Universität der Künste in Essen; seit 2008 Lehrbeauftragter für Musikwissenschaft an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf. Konzerttätigkeit als Organist und Improvisator; zahlreiche Uraufführungen zeitgenössischer Orgelwerke. Mitbegründung eines Ensembles für freie Improvisation. Zusammen mit Hermann J. Busch gab er das »Lexikon der Orgel« (Laaber 2007) heraus.